Die Opposition der Opposition

Die USPD Ludwigshafen im Jahr 1920

von Leonie Hasert & Olga Zaslavska

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Abb. 1: »Wie wähle ich?« Wahlaufruf in der USPD-Parteizeitung »Tribüne« vom 5. Juni 1920
Abb. 1: Wahlaufruf in der Partei- zeitung »Tribüne« vom 5. Juni 1920

Im Jahr 1917 wütet der Erste Weltkrieg in Europa. In der deutschen Sozialdemokratie schwelt seit Kriegsbeginn ein interner Streit über die Burgfriedenspolitik. Nun führt er zur Spaltung der Partei: die Unabhängigen Sozialdemokraten (USPD) trennen sich von der »Mehrheits-SPD« (MSPD). Bald werden auch in der Pfalz die ersten Ortsvereine der USPD gegründet, Kandidaten aufgestellt und Wahlkämpfe bestritten. In der regionalen Parteizeitung »Tribüne« erscheinen Pamphlete gegen Kapital und Bürgertum. Die Artikel richten sich vor allem an junge, ungelernte Arbeiter, deren Interessen sie als »wahre« Arbeiterpartei vertreten will. So auch anlässlich der Reichstagswahlen 1920, als ein wortgewaltiger Wahlaufruf erscheint, der Einblicke in das Selbstbild und die politischen Ziele der USPD im lokalen Raum bietet.

»Gegen die Ausbeutung des Kapitals, gegen die Schuldigen im Proletarierkrieg«

»Hat dein Auge nichts mehr von dem göttlichen Sonnenglanz, ist es im Anblick von Börsenkursen und Dividendenziffern gebrochen, ist deine Seele erstarrt und dein Herz abgestorben, dann wähle kapitalistisch, wähle bürgerlich, wähle national, wähle christlich, wähle demokratisch!«

Einen Tag vor den Reichstagswahlen in der Pfalz am 6. Juni 1920 erscheint in der »Tribüne« dieser Wahlaufruf unter der Überschrift »Wie wähle ich?« (Abb. 1).1) Der Aufruf in der parteieigenen Zeitung ist für die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD) eine Gelegenheit zur Selbstdarstellung ihrer Ziele und zur Abrechnung mit konkurrierenden Parteien und Weltanschauungen. Der pfälzische Verband der USPD präsentiert sich hier als junge, starke und vor allem unabhängige Partei, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, das Leben des einfachen Arbeiters zu verbessern und diejenigen, die für seine Not verantwortlich sind, zur Rechenschaft zu ziehen. So zumindest sieht sich die USPD selbst: als eine Fackel, die Deutschland in dunklen Zeiten erhellen soll.

Dieser Losung folgt die USPD seit der Spaltung der deutschen Sozialdemokratie am 6. April 1917. Die neugegründete Partei wendet sich ausdrücklich gegen Kapitalismus, Bürgertum und gegen die Politik der nun »Mehrheits-SPD« (MSPD) genannten Stammpartei, mit der sie sich erst 1924 wieder vereinen wird.

Während der kurzen Parteigeschichte der USPD entwickelt sie sich schnell zu einer beliebten (Arbeiter-) Partei, auch in der Pfalz. In der regionalen Parteizeitung »Tribüne« erscheinen Pamphlete gegen Kapital und Bürgertum. Die Artikel richten sich vor allem an junge, ungelernte Arbeiter, deren Interessen sie als »wahre« Arbeiterpartei vertreten will. So auch anlässlich der Reichstagswahlen 1920. Der wortgewaltige Wahlaufruf bietet Einblicke in das Selbstbild und die politischen Ziele der USPD in der Pfalz und eröffnet gleichzeitig neue Fragen: Wie hat es die USPD in so kurzer Zeit geschafft hat, eine große Anzahl von Mitgliedern an sich zu binden? Worin unterscheiden sich die USPD und ihr Programm von der politischen Konkurrenz? Welche Bedeutung hatten die radikalen Forderungen für die Basis der Partei, gerade in der Pfalz?2)

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Von der Krise zur Spaltung

Zum Auslöser für die Spaltung der deutschen Sozialdemokratie wird die »Burgfriedenspolitik« der SPD während des Ersten Weltkrieges: Für die Dauer des Krieges stellte die SPD ihre oppositionelle Haltung zu den regierenden bürgerlichen Parteien ein und unterstützte die Regierung in ihrer Kriegspolitik (vgl. Miller 1974, 75).

Zu ersten Zerwürfnissen kommt es bereits 1915 nach der Entscheidung der SPD-Fraktion, zum dritten Mal den Kriegskrediten der Regierung zuzustimmen. Der Vorstand verteidigt diese Entscheidung, indem er auf die Verteidigungspflicht der Partei hinweist (vgl. Miller 1974, 69). Diese Auffassung teilen nicht alle Abgeordnete und Mitglieder. Immer mehr Genossen sehen in der Zustimmung zur Kriegspolitik einen Verrat an der internationalen Solidarität der Arbeiterklasse. An den Fronten kämpfen nun Arbeiter gegen Arbeiter anstatt gemeinsam im sozialistischen Verständnis für eine Verbesserung ihrer sozialen Lage einzustehen (vgl. Miller 1974, 74).

Die Abspaltung der USPD

Am 24. März 1916 stimmen 17 Mitglieder der SPD-Fraktion unter der Führung von Hugo Haase (1863–1919) offen gegen weitere Kredite. Ihnen werden die Rechte als Fraktionsmitglieder entzogen. Mit der Absicht eine innerparteiliche Opposition zu bilden, gründen sie die ‘Sozialdemokratische Arbeitsgemeinschaft‘ (SAG) (vgl. Hermann 1989, 66).

Auch in der Pfalz beginnt sich Widerstand innerhalb der Partei zu bilden. Offiziell unterstützt der Parteivorstand der Pfalz die Haltung der Partei (vgl. Hermann 1989, 60). Der pfälzische Parteivorsitzende Bruno Körner (1862–1927) zeigt sich um eine Lösung des Konflikts bemüht, als er im Februar 1916 die Ortsvereine persönlich besucht, die den Kriegskrediten gegenüber kritisch eingestellt sind. Doch geht er nicht auf die Kritik ein, sondern fordert sie lediglich auf, sich der Meinung der Mehrheitsfraktion anzuschließen (vgl. Becker 2012, 2). In Ludwigshafen, der größten Industriestadt der Pfalz, treffen sich seit 1916 regelmäßig Gegner der Burgfriedenspolitik in Gaststätten, um über die Politik der SPD zu diskutieren. Von einer Abspaltung von der Partei ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Rede (vgl. Hermann 1999, 329).

Diese erfolgt erst 1917 auf dem Gründungsparteitag der USPD in Gotha vom 6. bis 8. April. Nur wenige Wochen später gründet sich auch in Ludwigshafen eine Ortsgruppe der USPD, die bei ihrer ersten Versammlung im Juni 1917 einen Andrang von etwa 400 Besuchern verzeichnen kann (vgl. Hermann 1989, 82).

Aufstieg der USPD

Nach dem Krieg wird eine Wiedervereinigung von Seiten der USPD nicht in Betracht gezogen: »Die Feinde von gestern können nicht die Freunde von heute sein« (zit. n. Hermann 1999, 331). Bei der Wahl zur Nationalversammlung im Januar 1919 bleibt die USPD mit 1,6 % die schwächste Partei in der Pfalz (vgl. Hermann 1999, 331). Im April des nächsten Jahres gelingt der USPD allerdings bei den pfälzischen Kommunalwahlen in Ludwigshafen ein großer Erfolg. Sie erreicht mit 21,3 % nur 0,3 % weniger Stimmen als die MSPD. Beide Parteien ziehen nun mit 12 Abgeordneten ins Stadtparlament ein; die USPD hat ihren Status als gleichberechtigte Vertretung der Arbeiter neben der MSPD gesichert (vgl. Mörz 2003, 37–38).

Dieses Wahlergebnis bringt der USPD zudem einen größeren Einfluss auf die Kommunalpolitik, da sie erstmals ehrenamtliche Bürgermeister in den drei großen Industriestädten der Pfalz, Ludwigshafen, Kaiserslautern und Pirmasens, stellen kann (vgl. Hermann 1999, 334). Bei der Wahl zum Reichstag am 06. Juni 1920 kann die USP Pfalz zum zweiten Mal einen großen Zulauf an Wählern verzeichnen.

Was aber macht die unabhängigen Sozialdemokraten in der Pfalz zu dieser Zeit so attraktiv? Welche soziale Gruppe und welche Forderungen werden durch sie vertreten?

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USPD – die wahre Arbeiterpartei?

Betrachtet man die Mitgliederstruktur der USPD und vergleicht sie mit dem Sozialprofil der MSPD, wird deutlich, dass die beiden Parteien nicht nur programmatisch, sondern auch gesellschaftlich gespalten waren. Dies lässt sich zumindest an den Vorschlaglisten für die Kommunalwahlen am 18. April 1920 in Ludwigshafen nachvollziehen (vgl. Hermann 1989, 202). In den Listen werden Name, Alter, Geschlecht, Beruf und Anschrift von 287 USPD-Kandidaten und 406 MSPD-Kandidaten aufgeführt. Insbesondere die Angaben zu Alter und Beruf geben aufschlussreiche Hinweise auf soziale Unterscheide zwischen den Mitgliedern der beiden Parteien. 

Soziale Unterschiede zwischen USPD und MSPD

Die Kandidaten der USPD sind mit einem Altersdurchschnitt von 36,9 Jahren verhältnismäßig jünger als die Kandidaten der MSPD (42,7). Dementsprechend ist die größte Gruppe der USPD-Kandidaten in der Altersgruppe der 30-40 Jährigen angesiedelt. Bei der MSPD hingegen lassen sich die meisten Kandidaten in der älteren Altersgruppe der 40-50 Jährigen finden (vgl. Hermann 1989, 206).

Auch hinsichtlich der beruflichen Profile gibt es Unterschiede zwischen den Parteien. Die USPD wird mit einem Arbeiteranteil von 88,2 % unter den Kandidaten ihrem Namen als Arbeiterpartei gerecht, während in der MSPD neben 60 % Arbeitern vergleichsweise viele Beamte und Angestellte vertreten sind (vgl. Hermann 1989, 204). Diese Mitgliederstruktur der Ludwigshafener USPD ist repräsentativ für das ganze Reichsgebiet. Der Großteil der Mitglieder sind Arbeiter, wobei die Anzahl der ungelernten Arbeiter die der gelernten übersteigt (vgl. Hermann 1989, 210). Vor allem die Metallarbeiter nehmen eine dominante Stellung in der USPD ein. Sie sind oft in stark industrialisierten Branchen wie Chemie-Großbetrieben tätig. Dort bekommen sie die Folgen des Krieges in der Produktion besonders stark zu spüren.

Die hohe Arbeiterdichte, die schlechten Arbeitsbedingungen und vor allem die durch den Krieg geförderte Jugend- und Frauenarbeit sorgt für eine starke Opposition unter den Metallarbeitern. Die Massenbeschäftigung in diesen Großbetrieben schürt mit dem Gefühl der Auswechselbarkeit die Angst um den Arbeitsplatz. Zusätzlich sorgt die starke Arbeitsteilung für eine Entfremdung der Arbeiter von dem Produkt, an dessen Herstellungsprozess sie beteiligt sind (vgl. Hermann 1989, 213).

Einfache Arbeiter und 'Arbeiteraristokratie'

Die USPD zieht also vor allem junge, ungelernte Arbeiter aus den Großindustrien an. Viele von diesen haben zuvor noch nie gewählt und werden erst durch die Mitgliedschaft bei der USPD politisiert. Der große Zulauf der USPD in Ludwigshafen geht nicht auf Kosten der MSPD. Deren Mitglieder sind zum größten Teil Facharbeiter und Angestellte, die bereits einen sozialen Aufstieg hinter sich haben und unter weitaus günstigeren Bedingungen arbeiten als die einfachen Arbeiter.

Die größte Berufsgruppe innerhalb der MSPD bilden die Maurer, die oft in weniger stark industrialisierten Branchen tätig sind und eine Anstellung in kleinen Betrieben haben. Auch Meister und Kontrolleure, die eine leitende Funktion innehaben, sind unter den Mitgliedern der MSPD vertreten (vgl. Hermann 1989, 213). Diese leitenden Angestellten, Beamte und aufstrebende Facharbeiter sind oft auch schon im bürgerlichen Milieu verankert und bringen der MSPD den Vorwurf ein, ihre Mitglieder gehörten der »Arbeiteraristokratie« an (vgl. Hermann 1989, 215).

USPD und MSPD – ein gesellschaftlicher Konflikt

Um 1920 stehen sich somit in den beiden zwei Arbeiterparteien verschiedene Gruppen von Arbeitern gegenüber. Diese Gruppen nehmen in den Betrieben als Vorgesetzte und Arbeiter zudem verschiedene Rollen ein. Die entsprechend unterschiedlichen Arbeits- und Lebensbedingungen dürften wiederum zu beinahe gegensätzlichen, in jedem Fall aber schwer zu vereinbarenden Interessen geführt haben. Der Konflikt zwischen der USPD und der MSPD hat folglich neben der politischen auch eine gesellschaftliche Note. Es ist der SPD nicht möglich gewesen, die Bedürfnisse zweier so unterschiedlicher Gruppen gleichermaßen zu vertreten.

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Arbeiterkampf von unten

Die auch nach dem Ende des Ersten Weltkrieges anhaltenden materiellen Engpässe bei Nahrungsmitteln, Kleidung und Kohle treiben vor allem die einkommensschwachen Arbeiterfamilien in eine Notlage (vgl. Mörz 2003, 19). Diese Existenzbedrohung zwingt die bis dahin nicht politisierte Arbeiterschaft, sich selbst für ihre Interessen einzusetzen. Der neue, radikal-politische Arbeiter ist somit eine »Folge neuer politischer und ökonomischer Entwicklungen« am Anfang des 20. Jahrhunderts (Hermann 1989, 322). Die USPD zielt mit ihrem Programm auf eben diese »vom Krieg und seinen Folgen am meisten betroffenen Bevölkerungsschicht« (Hermann 1989, 149).

In Ludwigshafen z. B. beschweren sich Arbeiter über die Wohnungs- und Lebensmittelnot sowie über Wucher und Schleichhandel (vgl. Hermann 1989, 149). Und genau hier, wo weder Parteien noch die städtische Verwaltung tätig werden, greift die USPD ein (vgl. Hermann 1989, 150). So findet im Jahr 1920 eine Abstimmung über eine Resolution statt, die der MSPD und dem Stadtrat »das Mißtrauen ausspricht und eine sofortige Neuwahl nach der Genehmigung durch die Behörden verlangt« (Hermann 1989, 150). Während die unabhängigen Sozialdemokraten den Unmut des Stadtrates auf sich ziehen, sorgt das kritische Auftreten für positive Aufmerksamkeit in der Arbeiterschaft. Nun findet eine soziale Schicht – die »einfachen« Arbeiter – zu einer Partei, die ihre Interessen engagiert vertritt und für das gemeinsame Ziel der »Verbesserung der materiellen Lage des urbanen Proletariats« einsteht (Hermann 1989, 182).

Die USPD agiert auf der Straße. Durch Boykotts, Demonstrationen und Streiks werden politischer Druck auf Verwaltungen und Arbeitgeber ausgeübt und eigene Resolutionen durchgesetzt. Auch bei Protestaktionen in Betrieben sind häufig Parteivertreter beteiligt. Kommt es dabei seitens der Arbeiter wie 1920 in Ludwigshafen zu Ausschreitungen, sorgt die USP Pfalz für Rückhalt mit der Begründung, dass es niemals zu solchen Ausschreitungen gekommen wäre, hätte die Stadtverwaltung sofort etwas gegen die Misere der Arbeiter unternommen (vgl. Hermann 1989, 161).

Für die ungelernten Arbeiter wird die USPD so zu einer eigenen politischen Alternative. Für sie zeigt der Aktionismus der USPD, »daß die traditionellen Arbeitervertreter an der Heimlichtuerei und dem Schiebertum beteiligt sind und daher als Ansprechpartner für sie nicht in Frage [kommen]« (Hermann 1989, 152). Die USP Pfalz gibt den einfachen Arbeitern etwas, das sie in dieser Form zuvor nicht hatten: Stimme, Unterstützung und aktiven Einfluss auf die Veränderung ihrer Lage.

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Presse und Parolen – Sozialistische Weltanschauungen im Wahlkampf

Die Parteizeitung » Tribüne«

Neben ihrer Präsenz auf der Straße nutzt die USP Pfalz eine weitere Plattform um ihren Zielen Ausdruck zu verleihen: die parteieigene Zeitung »Tribüne«. Erste Überlegungen, eine eigene Zeitung zu gründen, gibt es bereits 1918. Am 28. Februar 1919 wird die »Tribüne – Organ der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei« dann in Mannheim unter der Leitung von Hermann Remmele (1880–1939) gegründet (Hermann 1989, 412). Die Zeitung bezieht sich nicht auf die gesamte USPD, sondern zunächst nur auf die USP Baden.

Am 01. November 1919 wird die »Tribüne« auch zum Organ der USP Pfalz. Das Ziel der Zeitung ist Aufklärungsarbeit; sie soll Arbeitern die Entlarvung der »kapitalistischen Lügenzentralen« (Hermann 1989, 154) vor Augen führen: »Durch all dieses Lügenmeer führt die Parteipresse die Arbeiter zielklar hindurch, klärt ihn auf, ertüchtigt und stählt seinen revolutionären Willen (zit. n. Hermann 1989, 154).

Die »Tribüne« richtet sich an alle Mitglieder der USP Pfalz, auch an Frauen und an die Jugend. So wird der politische Teil einmal pro Woche durch die Beilagen »Die proletarische Frau« und »Wirtschaftliche Wochenschau« ersetzt. Einmal im Monat kommt ein Sonderteil für die Jugend heraus.

Dadurch spricht die Zeitung die komplette (Arbeiter-) Familie an. Doch auch die »Tribüne« hat mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen. Im Jahr 1920 streikt die Zeitung zwei Tage lang und unterlässt die Belieferung der pfälzischen Abonnenten (vgl. Hermann 1989, 233). Grund ist die mangelnde Bereitschaft der Abonnenten, für die Zeitung zu bezahlen. Zu diesem Zeitpunkt kostet der Monatsbeitrag für Männer 1,- Mark und für Frauen 50 Pfennig. Der zusätzliche Preis für die Zeitung beläuft sich auf 20 Pfennig pro Ausgabe, was vielen zu teuer erscheint. Darüber hinaus kommt die Berichterstattung über lokale Ereignisse erst an dritter Stelle und trifft damit nicht das Interesse der pfälzischen Leser (vgl. Hermann 1989, 232).

Um dem entgegenzuwirken, wird am 01. Dezember 1920 die »Pfälzische Volkswacht« als Kopfblatt der »Tribüne« gegründet. Diese wird von Ludwigshafen aus vertrieben und soll genau die lokalen Themen ansprechen, die den Mitgliedern zuvor gefehlt haben. Das Kopfblatt bleibt ein Teil der parteieigenen Zeitung bis Oktober 1922; dann wird es von der »Pfälzischen Post« übernommen (vgl. Hermann 1989, 413).

Die Reichstagswahl 1920

In der Wahl zum Reichstag 1920 erweist sich die »Tribüne« als hilfreiches Instrument der Parteiarbeit. In der Zeitung wird die Wichtigkeit des Wahlkampfes hervorgehoben, um die »Masse der Arbeiter auf die Notwendigkeit des scharfen Klassenkampfes zwischen Besitzenden und Nichtbesitzenden, zwischen »Kapital und Arbeit« hinzuweisen (Hermann 1989, 195). Um dem ein oder anderen (noch) unentschlossenen Arbeiter zur Stimmabgabe für die USP Pfalz bei der Wahl zu überzeugen, veröffentlicht die »Tribüne« am 05. Juni 1920 den Artikel »Wie wähle ich?« auf der Titelseite. Der Artikel beginnt mit einem Ultimatum:

»So viele Parteien dich in diesen Wochen auch umwerben, du hast nur zwischen zwei Weltanschauungen zu entscheiden: Kapitalismus oder Sozialismus. Diese zwei Weltbetrachtungen prallen auch in diesem Wahlgang mit aller Wucht aufeinander und fordern dein Bekenntnis.«3)

Nun wird der Leser mit der (rhetorischen) Frage konfrontiert: wem soll er seine Stimme geben? Zunächst wird der Wähler der bürgerlichen Lager portraitiert: Für den Kapitalismus entscheide sich, wer egoistisch ist, wem das eigene Wohl wichtiger als das der Gemeinschaft ist, wer über Leichen geht, um seinen Reichtum zu steigern:

»Ist das Gold dein Gott, erfreust du dich, ganze Völker in Ketten zu schlagen, Wald und Feld in ein Arbeitshaus zu verwandeln, nur damit du selbst im Palast und Garten faulenzen kannst, dann wähle kapitalistisch, wähle bürgerlich!« (Tribüne, 1920).

Gleich danach folgt die Gegenposition:

»Bist du ein Arbeiter, der täglich um seine nackte Existenz kämpfen, der jeden Augenblickgewärtig sein muß, daß ihm nicht nur Wohnung, Kleidung und Nahrung, sondern selbst die Arbeit versagt hat, dann kann es nur eine Entscheidung geben: Du wählst sozialistisch!«4)

Sozialismus sei die einzig richtige Wahl, »nur er befreit die Menschheit von einem […] niederdrückenden Joche, nur er beseitigt die wucherische Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, nur er bannt Krieg und Mord«.5) Weiterhin nimmt der Artikel Stellung zur (M)SPD und attackiert sie als Kriegstreiber. Der Leser wird noch einmal daran erinnert, wer für den Fortlauf des ersten Weltkrieges und somit für das Leid einer gesamten Nation verantwortlich ist.

Dieser Wahlaufruf veranschaulicht beispielhaft das weltanschauliche Selbstbild der USDP. Es wird eine dualistische Gesellschaft skizziert: Auf der einen Seite steht das kapitalistische Besitzbürgertum, das nur auf das eigene Wohl aus ist und damit auch für Kriegstreiberei und für die Ausbeutung der arbeitenden Klasse verantwortlich gemacht werden muss. Der Sozialismus dagegen biete die Erlösung von allen gesellschaftlichen Übeln. Der sozialistischen Bewegung wird nicht nur die Kraft zugesprochen, die Menschen aus den Klauen des Kapitalismus zu befreien, sie wird zudem als moralisch überlegene Weltanschauung präsentiert. Der ungelernte Arbeiter, der in einfachen Verhältnissen am Existenzminimum lebt, sei durch seinen solidarischen Gemeinschaftssinn der eigentlich rechtschaffene Teil der Gesellschaft, nicht der bürgerliche Fabrikbesitzer.

Dem politisch ohnmächtigen Industrieproletariat wird so eine Handlungsperspektive eröffnet, um selbst an der Verbesserung der eigenen Lebenssituation und an der Umkehrung der gesellschaftlichen Verhältnisse mitzuwirken. Der Schlüssel dazu ist der Wahlsieg, weshalb jeder 'wahre' Sozialist dazu aufgerufen wird, seine Stimme für die USPD abzugeben: »Keiner fehle darum an der Wahlurne! Jede Stimme muss ein Protest, eine Anklage gegen die Verbrecher des Weltkrieges, gegen die Ausbeutung des Kapitals, gegen die Schuldigen am Proletarierkrieg sein.«6)

Die unabhängigen Sozialdemokraten präsentieren sich in diesem Aufruf somit als einzig legitime Vertreter der Arbeiterschaft und der Arbeiterbewegung. Mit ihren radikalen Forderungen und Protestaktionen bietet die USPD den überwiegend ungelernten Arbeitern in ihrer Wählerschaft die Möglichkeit einer politischen Mitbestimmung, auch und gerade bei lokalen Wahlaufrufen wie 1920 in Ludwigshafen.

Ergebnis der Reichstagswahlen 1920

Gemäß ihrer Grundsätze schickt die USP Pfalz Kandidaten ins Rennen, die Gesinnungsaktivisten und keine »Mandatsjäger« sind (vgl. Hermann 1989, 170). Die Partei erhofft sich »mit dem Willen durch die praktische Arbeit in Gemeinderäten das Beste für die Arbeiter herauszuholen« (Hermann 1989, 171).

In den Industriestädten hat die USPD den größten Erfolg. In manchen Regionen zieht sie an der MSPD vorbei, die reichsweit die größten Verluste verzeichnen muss. In Pirmasens und Kaiserslautern wird die USPD zur stärksten Fraktion, in Ludwigshafen erzielt sie ebenso viele Mandate wie die MSPD.

Obwohl die Reichstagswahl von 1920 zeigt, wie schnell und effektiv die USPD im politischen Wettbewerb angekommen ist, so wird auch deutlich, dass die Fokussierung auf eine gesellschaftliche Gruppe für einen längerfristigen Erfolg nicht ausreicht. So gelingt es der USP Pfalz nicht, auch nur einen Abgeordneten in den Reichstag zu schicken (vgl. Hermann 1989, 199).

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Aufstieg und Niedergang der USPD – ein Ausblick

Auf dem Höhepunkt ihrer Macht stellt die USPD in Ludwigshafen mit 2200 Mitgliedern eine starke Konkurrenz zur MSPD dar (vgl. Hermann 1989, 359). Auch in anderen Städten der Pfalz, in denen zu dieser Zeit Großindustrie angesiedelt ist, wie Pirmasens (Schuhindustrie) und Kaiserslautern (Maschinenbau, Textilindustrie), haben die ansässigen USPD-Ortsgruppen erheblichen Einfluss auf die Politik (vgl. Hermann 1989, 210f.). In den übrigen Gebieten der Pfalz ist die USPD allerdings nur schwach vertreten, da diese vorwiegend ländlich geprägt sind. Die ansässigen Bauern sehen sich eher von den bürgerlichen Parteien vertreten und begegnen den Sozialdemokraten insgesamt mit Ablehnung.

Insbesondere die USPD findet als Vertreterin der Industriearbeiter hier kaum Anklang (vgl. Miller 1974, 169). Es bilden sich in kleineren Städten und Gemeinden zwar Ortsgruppen, allerdings bestehen diese oftmals nur aus wenigen Mitgliedern und spielen somit keine Rolle in der lokalen Kommunalpolitik (vgl. Hermann 1989, 319). In anderen Ortschaften hat sich die USPD dagegen etabliert, so dass die ansässige Ortsgruppe der MSPD aufgelöst wird. Bis zur Wiedervereinigung mit der MSPD bleibt die USPD in diesen Regionen die einzige sozialdemokratische Partei (vgl. Hermann 1999, 332).

USP Pfalz: Erfolg oder Farce?

Im Gegensatz zu den politischen Erfolgen der USPD in Ludwigshafen bleibt die Partei in der Pfalz ohne weitreichenden Einfluss. So ist zum Beispiel beim Gründungsparteitag kein Vertreter aus der Pfalz anwesend (vgl. Hermann 1989, 82). Der geringe Einfluss der USPD auf die pfälzische Politik lässt sich teilweise auch auf die Besetzung durch französische Truppen nach dem Ersten Weltkrieg zurückführen. Die Besatzer ließen den Parteien wenig Spielraum bei der Umsetzung ihrer politischen Willensbildung. Bei der Wahl zum Reichstag am 06. Juni 1920 kann die USPD reichsweit mit 18,8 % einen größeren Wahlerfolg verzeichnen als die USP Pfalz, die 10,8 % der Stimmen erhält (vgl. Hermann 1989, 358).

Die Verteilung der USPD-Ortsgruppen in der Pfalz lässt sich auf die Situation in der gesamten Weimarer Republik übertragen. Die meisten Anhänger findet die USPD in den Ballungsräumen Berlin und dem Ruhrgebiet. Diese Gebiete sind stark von der Industrialisierung beeinflusst und dort sind viele Arbeiter in Großindustrien ansässig. Wie am Beispiel von Ludwigshafen gezeigt wurde, ist dies eine notwendige Bedingung für den Erfolg der USPD in einer Region (vgl. Miller 1974, 169).

Das Ende der USPD

Der rasche Aufstieg der USPD geht bereits 1922 zu Ende. Am 24. September einigen sich die Parteivorstände von USPD und MSPD auf dem Vereinigungsparteitag in Nürnberg darauf, die beiden Parteien wieder zu vereinen. Als Hauptgrund hierfür nennen die Parteivorstände die zunehmende »Bedrohung von rechts« (Hermann 1999, 341). Dieser wolle man mit einer geschlossenen sozialdemokratischen Partei entgegentreten (vgl. Hermann 1999, 341). Denn trotz der neu gewonnenen Anhänger im politisierten Milieu der Industriearbeiter hat die Spaltung der SPD die Sozialdemokratie in Deutschland geschwächt.

Die raschen Wahlerfolge der USPD täuschen darüber hinweg, dass die Arbeiterparteien in der Zeit der Spaltung insgesamt Stimmen verlieren. So fällt der Stimmanteil der Arbeiterparteien in der Blütezeit der USPD von 1919 bis 1920 von 39,5 % auf 36,8 %, während die bürgerlichen Parteien in dieser Zeitspanne Wähler gewinnen (vgl. Hermann 1999, 334).

Formal existiert nach der Vereinigung mit der MSPD noch ein Parteirest der USPD, der aber nur noch wenige Mitglieder verzeichnen kann und politisch keine Rolle mehr spielt. Noch 1924 werden zu den Reichstagswahlen Flugblätter gedruckt, die von der Existenz der Parteigruppen zeugen. Allerdings kommt diese Rest-USPD bei keinem Wahlergebnis nach 1922 mehr über einen Prozentpunkt der Stimmen (vgl. Hermann 1989, 350).

Mit der Wiedervereinigung 1922 endet daher die Geschichte der USPD. Die Spaltung von USPD und MSPD bildet nur ein kurzes, aber bedeutendes Kapitel in der Geschichte der Sozialdemokratie, da sich erstmals eine Opposition innerhalb der oppositionellen SPD in Form einer Konkurrenzpartei etablieren konnte. Diese Entwicklung war bezeichnend für ein Dilemma, das die SPD noch lange beschäftigen sollte. Mäßigt man seine Ansichten und Forderungen, um realpolitisch etwas bewirken zu können oder behält man seine revolutionären Ansichten bei und verharrt in ewiger Opposition?

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Literatur

Becker, Klaus Jürgen (2012). »Wandler zwischen den Welten«. Parteiwechsel innerhalb der pfälzischen Arbeiterbewegung zwischen 1917 und 1956. www.klaus-j-becker.de/docs/Texte2012/ArtikelWechsel.pdf (06.02.2013).

Breunig, Willi (21990). Soziale Verhältnisse der Arbeiterschaft und sozialistische Arbeiterbewegung in Ludwigshafen am Rhein 1869-1919. Ludwigshafen.

Hermann, Alfred (1989). Die Geschichte der pfälzischen USPD. Neustadt.

Hermann, Alfred (1999). Die Geschichte der pfälzischen USPD. In: Geis, Manfred (Hg.). Die pfälzische Sozialdemokratie. Beiträge zu ihrer Geschichte von den Anfängen bis 1948 (329-343). Edenkoben.

Miller, Susanne (1974). Burgfrieden und Klassenkampf. Die deutsche Sozialdemokratie im Ersten Weltkrieg. Düsseldorf.

Mörz, Stefan (2003). Geschichte der Stadt Ludwigshafen am Rhein. Bd. 2: Vom Ende des Ersten Weltkrieges bis zur Gegenwart. Ludwigshafen.

Quellen

Stadtarchiv Ludwigshafen (STALU), Zeitungssammlung. Film Nr. 1132: Tribüne, Jg. 1920 (Nr. 127, 05. 06. 1920).

Bildnachweis

Abb. 1: »Wie wähle ich?« Wahlaufruf in der USPD-Parteizeitung »Tribüne« vom 5. Juni 1920. STALU, Film Nr. 1132: Tribüne, Jg. 1920 (Nr. 127, 05. 06. 1920).

Zitierhinweis

Hasert, Leonie & Zaslavska, Olga (2013). Die Opposition der Opposition. Die USPD Ludwigshafen im Jahr 1920. In: Roth, Jonathan (Hg.). Sozialdemokratie in Rheinland-Pfalz – Dokumente aus drei Jahrhunderten. www.sozialdemokratie-rlp.de/dokumente/die-uspd-in-ludwigshafen.html (Datum des Zugriffs).

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Endnoten

  1. STALU, Die Tribüne Nr. 127, 05. 06. 1920. »
  2. Die umfassendste Darstellung der Regionalgeschichte der pfälzischen USPD hat Alfred Hermann 1989 veröffentlicht. Neuere Untersuchungen liegen nicht vor. Die nachfolgenden Darstellungen, insbesondere im Hinblick auf die Zielgruppe, den Wahlkampf und die Wahlergebnisse der USPD Pfalz, stützen sich daher auf Hermanns Grundlagenarbeit. »
  3. STALU, Tribüne Nr. 127, 05. 06. 1920 (»Wie wähle ich?«). »
  4. STALU, Tribüne Nr. 127, 05. 06. 1920 (»Wie wähle ich?«). »
  5. STALU, Tribüne Nr. 127, 05. 06. 1920 (»Wie wähle ich?«). »